Sonntag, 31. Mai 2015

Wolle



Auch wenn die Farmer jammern, daß man für Wolle nix mehr kriegt: Hier ist der Wollverkauf ganz gut geregelt. Nach Aussage der Farmer bekommt man die Schurkosten wieder rein. Das ist ja schonmal was....
Hier  in Großbritannien wird zentral ein- und verkauft. Das britische Wool Marketing Board hat das Wollmonopol. Jeder, der mehr als vier Schaf hat, muß an das Wool Marketing Board verkaufen. Man darf seine Wolle nur mit Ausnahmegenehmigung anderweitig verkaufen. Außer auf Shetland. Bei kleinen Herden, Spezialitätenrassen und bei farbiger Wolle ist das mit der Ausnahmegenehmigung ganz locker. Bei farbiger Wolle sind sie sogar froh drum. Die verkauft sich schlecht weiter. Die weiße Wolle wird sortiert und in riesigen batches in Bradford versteigert. Zum Großteil nach China.
Die Feinheit der Wolle wurde traditionell im "Bradford Count" gemessen. Der besagt, wieviele Meter Garn man aus der Wolle spinnen kann. Je feiner, desto mehr.
Das System hier läuft so, daß man vom Wool Marketing Board Säcke bekommt. Man muß die Vliese auf eine bestimmte Art rollen und den allergröbsten Dreck entfernen. Jedes Vlies wird dann später in fein, mittel und grob sortiert und die einzelnen Feinheitsgrade gewogen. Danach wird man bezahlt. Oller Schiet wird einem um die Ohren gehauen.
Das ist in Deutschland anders. Da, wo es überhaupt noch Wollsammelstellen gibt, landet alles. Schiet inklusive. Und noch mehr. Die Schäfer sagen, daß sie für bessere Preise auch besser sortieren würden, die Sammelstellen sagen, daß sie erst mal bessere Wolle sehen wollen, bevor sie mehr bezahlen!
Hier wird also der Dreck entfernt, gerollt und gesackt. Dafür braucht man solange, wie der Scherer für ein Schaf. Zumindest bei den kleinen Shetlandern. 


Später wird nochmal ganz genau sortiert (jedes Vlies wird nochmal in die Hand genommen und in 115 Feinheitsgrade unterteilt!) und gewogen und versteigert. Und je nachdem, was die Versteigerungen bringen, bekommt man Geld. Im nächsten Jahr.
Wolle ist nicht gleich Wolle. Selbst die Wolle der "Wikingerschafe", hinter denen ich ja her bin, ist von Tier zu Tier und erst recht von Rasse zu Rasse unterschiedlich. Meine kleine Probensammlung besteht erst aus drei Locken und paßt noch in das Fach unter'm Autoradio..
Für weiße Shetland sind die Preise ganz gut. Knappe 2 Pfund. Für die Bergrassen sind es teilweise nur 60 Pence - was unter dem Schurpreis von 1 Pfund pro Schaf (bei kleineren Herden) liegt.
Richtig gut ist der Preis für die seltenen Longwools. Blue Faced Leicester liegt bei 5 Pfund, Wensleydale bei 3 Pfund. Und da ist ordentlich was dran. Kann schon mal in Ausnahmefällen bei 11kg pro Schaf (Lincoln Longwool) liegen! Diese Wolle ist lang (bis zum Boden) und fein und glänzend. Und war Grundlage des britischen Reichtums im Mittelalter. Mittlerweile sind die Rassen super selten und nur weil das Angebot noch viel geringer ist als der kaum vorhandene Bedarf, kommt es zu diesen Preisen. Die Schafe sind auch sehr anspruchsvoll und damit teuer in der Haltung!

Auf der Farm auf der ich zur Schur war - mit kleiner Herde - lag der gesamte (erwartete) Erlös bei ca. 15 Pfund. "Früher" hat man die Pacht für die ganze Farm aus dem Wollgeld bezahlt.
Die bunte Wolle und andere Spezialitäten vermarkten die Leute heute eher selber. Viele lassen ihre Wolle waschen und spinnen, einige auch weben. Die ganz feinen Vliese vekauft man "roh" an wollverrückte Handspinner. Die wiederum haben manchmal kleine Läden. So einen habe ich heute gefunden auf der Isle of Skye.  



Auch wenn die Wolle in den großen Farmen heute nur noch ein Abfallprodukt der Fleischproduktion ist, hat man durch das Wool Marketing Board und vermutlich auch durch die Geschichte als einst reiche "Wollnation" noch einen Sinn für die Wolle. Die Spezialitätenrassen werden oft auf feine Wolle gezüchtet aber auch bei den anderen Rassen ist die Wolle in den allermeisten Fällen deutlich besser als die der deutschen Rassen und ich habe den Eindruck, die Leute können Wollqualität besser einschätzen.
In Deutschland z.B. wirbt der Skuddenzüchterverband damit, die Skudde hätte die feinste Wolle der Welt. Irgendwann muß ich dem mal auf den Grund gehen. Das kann eigentlich nur jemand behaupten, der von Wolle so gar keine Ahnung hat! Die Feinheit der Wolle wird durch die durchschnittliche Faserdicke bestimmt. (Die Länge spielt bei der Qualität auch eine Rolle sowie die Gleichmäßigkeit  von Länge und Dicke). Skudden haben superfeine Wollhaare. Vielleicht die dünnsten der Welt aber das mischwollige Skuddenvlies besteht aus dreierlei Haar. Zwei Sorten Haar sind grob bis superborstig. Und die machen einen verdammt großen Teil der Wolle aus! Das gibt ein super wetterfestes Schaf. Lange, wirklich "haarige" Grannenhaare an denen der Regen abläuft, dazwischen die feinen Wollhaare, die super isolieren und darunter die kurzen, borstigen Stichelhaare. Die wirken wie "Stützhaare" und sind die unterste Schicht, die auch ein komplett durchgeweichtes Schaf noch schützen. Zwiebelprinzip.
Die "modernen" Shetlander haben das nicht mehr. Die haben "single coat". Nur noch Wollhaare. Aber davon einen richtig dichten Pelz, der scheinbar auch gut schützt. Eine Züchterin aus den Cheviot Hills im Norden Englands hat mir allerdings erzählt, daß ihre Shetlander im ersten Jahr schon ganz schön gelitten haben.
Deckhaar und Wollhaar (double coated) mit mehr - aber meist weniger - Stichelhaar ist die übliche Austattung der Schafe, die hier in den rauhen Gegenden leben. Diese Kombination gibt gesponnen kein feines Garn, das man direkt auf der Haut tragen möchte. Aber die dicken Grannenhaare geben eine Festigkeit, die man vor Einführung von Kunstfaser sehr geschätzt hat. Zum Beispiel in Socken. Feinste, kuschelweiche Merinosocken müßte man täglich stopfen! Da nicht nur die Schafe sondern auch die Menschen Wetterfestigkeit brauchten, hat man sich das auch für die eigene äußere Schicht zu nutze gemacht. Gewebt ergibt das nämlich einen sehr guten Stoff. Ich hatte mal einen tollen Rucksack, der aus einem Baumwoll-Kunstfaser-Mischgewebe bestand. Bei Regen quellen die Baumwollfasern auf und drücken die Kunstfasern zusammen, was das Gewebe extrem regenfest gemacht hat. Genauso funktioniert ein festes Gewebe aus Mischwolle. Wenn man das dann noch anfilzt, hat man super wetterfeste Stoffe. Plus den Vorteil, daß Wolle auch noch wärmt, wenn sie schon durchgeweicht ist. Ich bin gerade auf den Hebriden. Inseln im Westen Schottlands, auf denen eigentlich nur solche harten, mischwolligen Schafe gedeien. Hier ist der Tweed zuhause. Fester, angefilzter Wollstoff. Zum großen Glück der traditionellen Weber, hat eine hochwohlgeborene Lady (Lady Catherine Herbert) gefallen an dem Stoff gefunden. Das war achtzehnhundertkeks... da war gerade viel altes, ursprüngliches in Mode. Romane über "edle Wilde" wie von Herman Melville (Moby Dick war übrigens anfangs ein Flop!) und auch die Erinnerung, daß man ja von alten schottischen Chieftains abstammte. Die Idee mit den Clan-Tartans - den Clan spezifischen Webmustern - wurde in der Zeit "wiederentdeckt" (oder geboren) und diese Dame hatte die Idee, sich ihr Clan-Tartan von den Webern der Insel Harris nachweben zu lassen. Ihr gehörte die Insel und somit war das ein super Marketing Coup. Harris Tweed war fortan nicht mehr Bauernzeug sondern ein ganz feines Stöffchen! Das britische Königshaus trägt Tweed! Die Bauern tragen auch Tweed.


In den nächsten Tagen hoffe ich, auf die Isle of Harris zu fahren und mir dort Webereien anzusehen. Am allerliebsten würde ich auch "waulking songs" hören. Waulking ist auf deutsch "walken" und das ist das rhythmische Knautschen und Knietschen, das es braucht, um Stoff zu verfilzen. Eine total ätzende Arbeit. Bei den langen Bahnen Stoff ist das ein Teamjob. Nasser Stoff mit Seife (oder früher Pipi mit sonstewas gemischt) mußten stundenlang geknetet werden. Das war ein Job, den die Frauen gemacht haben. Um im Rhythmus zu bleiben, hat man Lieder gesungen, die mich an die Lieder der Baumwollpflücker erinnern, wie man sie (vielleicht) aus Filmen kennt. Um sich die Langeweile dabei zu vertreiben, wurde Klatsch und Tratsch eingebunden und Geschichten. Eine Frau hat "vorgesungen" (der reiche Königssohn hat dies und das gemacht, der Paul hat mit der Else...., sowas) und die anderne haben den Refrain gesungen. Auf youtube gibt es unter waulking songs ganz coole Beispiele.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen